Denkmal des Monats September 2012 - Eine Unscheinbare Berühmtheit
Denkmal des Monats September 2012 - Eine unscheinbare Berühmtheit

- (c) Denkmalbehörde, Günther Wertz
Im September steht die Ev. Paul-Gerhardt-Kirche gleich zweimal im Fokus der Denkmalpflege: Die kleine Kirche, die aufgrund ihres bekannten Architekten Otto Bartning und ihrer außergewöhnlichen Entstehungsgeschichte in Fachkreisen als "Berühmtheit" gilt, wird in die Denkmalliste der Stadt Dortmund eingetragen. Passend zu diesem Ereignis und passend zum Denkmaltag-Motto "Holz" öffnet das Gotteshaus am 9. September seine Türen für die Öffentlichkeit: Führungen, eine Kunstausstellung und die offizielle Abschlussveranstaltung der Stadt stehen auf dem Programm. Für die Denkmalbehörde ist dies Anlass, die Paul-Gerhardt-Kirche als D
Hölzernes Zelt
Steht man vor der Paul-Gerhardt-Kirche in der Markgrafenstraße 125 mag man sich zunächst fragen, warum das Thema "Holz" ausgerechnet hier behandelt werden soll. Den Besucher empfängt eine schlichte Backsteinfassade, die nur eine Reihe hochrechteckiger Fenster und eine Fensterrosette unterbrechen. Betritt der Besucher jedoch die Kirche über den seitlichen Anbau, wird ihm schlagartig klar, dass es kaum einen besseren Raum für die Veranstaltung geben könnte. Wie Stangen eines Zeltes streben hölzerne Wandpfeiler - der Fachbegriff bezeichnet sie als Dreigelenkbogenbinder in genagelter Vollwandform - in die Höhe. Sieben dieser Pfeiler an jeder Längsseite sowie vier im abschließenden Chor strukturieren den Raum nicht nur optisch, sondern versteifen auch die Ziegelwände und tragen die hölzerne Decke und das Dach. Das Wort vom "Zelt Gottes" wird hier greifbar.
Das Notkirchenprogramm
Vergleicht man die Paul-Gerhardt-Kirche aus dem Jahr 1950 mit älteren Gotteshäusern, fällt sofort die Schlichtheit von Raum und Material auf. Dies hat natürlich mit der Entstehungszeit nach dem Zweiten Weltkrieg zu tun, wobei Gestalt und Konstruktion alles andere als eine Notlösung zu betrachten sind. Um die außergewöhnlich innovative Kirchenplanung zu verstehen, ist ein Blick in ihre Geschichte erforderlich: Nach dem Zweiten Weltkriegs initiierte der Weltkirchenrat für evangelische Gemeinden in Deutschland ein so genanntes Notkirchenprogramm, um dem Mangel an Kirchenraum infolge der Kriegszerstörungen zu lindern. Zur Realisierung des Programms beauftragte das "Hilfswerk der evangelischen Kirchen in Deutschland" (HEKD) den Architekten Otto Bartning mit der Entwicklung von Notkirchentypen. Bartning verfolgte bei seiner Planung innovative Ziele: 1. Hilfe zur Selbsthilfe, 2. Anpassungsfähigkeit der Serienkirchen an örtliche Besonderheiten und 3. die Realisierbarkeit trotz Mangel an Geld, Fachkräften, Baustoffen und Baustelleneinrichtungen. Und nicht zuletzt - Bartning strebte kein Provisorium sondern einen architektonisch und liturgisch würdigen Kirchenbau an. Das Projekt gelang und erlangte große Popularität, so dass Spenden aus dem Ausland für 48 Kirchen eingingen. 43 Bauten wurden daraufhin zwischen 1948 und 1951 in ganz Deutschland realisiert, darunter die Ev. Paul-Gerhardt-Kirche in Dortmund.
Schenkung verpflichtet
Doch worin bestand Bartnings außergewöhnliche Idee? Mit Otto Bartning (1883 - 1959), der rückblickend zu den bedeutendsten Kirchbaumeistern des 20. Jahrhunderts zählt, hatte man die optimale Wahl getroffen. Schon 1928 hatte er auf der Pressa-Ausstellung in Köln eine Musterkirche vorgestellt, deren Konstruktion aus Stahlträgern und -streben schnell aufgebaut werden konnte. Die von tragender Funktion befreiten Wandflächen konnten vollständig verglast werden. Ein ähnliches Montageprinzip wandte Bartning auch beim Notkirchenprogramm an. Statt Stahl und Glas sah er nun ein Tragwerk aus Holz und nicht tragende Wände aus Stein vor. Das solide Bauprogramm ließ sich damit optimal unter den erschwerten Bedingungen der frühen Nachkriegsjahre realisieren: Es kam ohne komfortable Baustelleneinrichtungen aus und für die Wände konnte örtlich vorhandenes Material, auch Trümmersteine, eingesetzt werden. Von einer rein pragmatischen Notlösung kann dennoch keine Rede sein, Otto Bartning betonte: "Notkirche bedeutet nicht Notbehelf, sondern die aus geistiger Not erwachsene sichtbare Form der Einfachheit und Aufrichtigkeit". Den einfachen und sparsamen Einsatz der Werkstoffe verstand der Architekt dabei auch als Verpflichtung gegenüber den Spendern, "denn Schenkung entbindet nicht, sondern verpflichtet - zur rauen Einfalt der Werkstoffe."
Aktive Gemeinde
Als Spende erhielten die Gemeinden die serienmäßig in Holz hergestellten Bauteile, die Elektrik sowie serielle Ausstattungsstücke, wie Gestühl oder Leuchtkästen. Für Fundamente, aufgehendes Mauerwerk und Dachziegel mussten sie selbst - im Sinne der "Hilfe zur Selbsthilfe" - durch tätige und finanzielle Eigenleistungen sorgen. Die Gemeinden konnten damit "ihre" Kirche an die örtlichen Gegebenheiten und ihre individuelle Tradition anpassen. Von den 43 Notkirchen gleicht somit keine im Detail der anderen. In Dortmund nutze man beispielsweise das abfallende Gelände, um im Souterrain des Chores eine Sakristei einzurichten. Der Chor erhielt hierzu einen Treppenanbau, ein einmaliges Details, das extra von der Bauabteilung des HEKD für Dortmund entworfen worden war.
In ihrer Erscheinung bleibt die Paul-Gerhardt-Kirche bis heute Ausdruck einer sakralen Architektursprache, die dem Anliegen der Bescheidenheit, der Integrität und der Erneuerung verpflichtet ist und auch nach über 60 Jahren einer lebendigen Gemeinde geistliche Heimstatt bietet.
Die Ev. Paul-Gerhardt-Kirche am Tag des offenen Denkmals 2012
Nähere Informationen zu den Veranstaltungen in der Ev. Paul-Gerhardt-Kirche am Tag des offenen Denkmals finden Sie auf Seite 7 in der Programmbroschüre, die öffentlich ausliegt oder auf der Internetseite der Denkmalbehörde als Download erhältlich ist: www.denkmalbehoerde.dortmund.de unter Tag des offenen Denkmals 2012.










